24.01.2018 – Inkontinenz ist belastend und schränkt den Alltag von Frauen ein. Urologen arbeiten an einer neuen Therapie gegen das Leiden: Körpereigene Muskelzellen sollen den lädierten Blasenschliessmuskel wieder funktionsfähig machen.

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Frauen im Yoga 
Mit Yoga und Beckenbodentraining lässt sich Stressinkontinenz bekämpfen – der Erfolg ist allerdings beschränkt. (Bild: Marc Latzel)

Zuerst waren da bei Lachkrämpfen oder beim Niesen die paar Tropfen Urin in der Unterhose. Maria Meiser, 43 Jahre, leidet seit der Geburt ihres zweiten Kindes an Harninkontinenz. Das Problem verschwindet zunächst wieder. Doch einige Jahre später kommt die Inkontinenz zurück. Dieses Mal fliesst in allen möglichen Momenten Urin, immer wenn sich Druck im Bauchraum aufbaut: beim Sport, beim Treppensteigen, wenn sie auf den Bus rennt, wenn sie erschrickt. Das Schreckgespenst Harnabgang belastet ihr Leben.

Maria Meiser ist fiktiv. Sie steht für schätzungsweise 150000 Frauen mit Stressinkontinenz in der Schweiz – darunter solche jenseits der Wechseljahre, aber auch viele jüngere. Verursacht wird diese Form der Inkontinenz, die vor allem bei Frauen vorkommt, durch einen schwachen Beckenboden, wozu auch der Blasenschliessmuskel gehört. Belastend ist die Inkontinenz für Frauen wie Maria Meiser wegen der Einschränkungen im Alltag, aber auch weil sie ihr Problem oft für sich behalten. Niemand soll es sehen oder gar riechen. Auch mit dem Gang zum Artr warten viele zunächst zu.

Tabu brechen
Das Wort Tabu fällt denn auch in den ersten zwei Sätzen, in denen Daniel Eberli sein Forschungsprojekt erläutert: «Harninkontinenz kann die Lebensqualität stark einschränken. Deshalb ist es wichtig, dass man darüber spricht.» Der Professor für regenerative Urologie an der Universität Zürich forscht seit rund 15 Jahren im Bereich des Tissue Engineering. Dem Forschungszweig, der aus Stammzellen biologische Gewebe herstellt und diese wieder in den Körper implantiert, um Organe oder Organteile damit zu ersetzen.

Das EU-Förderprogramm Horizon 2020 unterstützt Daniel Eberlis Idee, Beckenbodengewebe mittels Tissue Engineering zu reparieren; koordiniert wird es von Eberlis Mitarbeiterin, der Stammzellenspezialistin Deana Mohr-Haralampieva. An dem Projekt unter der Leitung der Zürcher Forscherinnen und Forscher sind auch deutsche und österreichische Hochschulen sowie zwei Firmen beteiligt. In Tierversuchen von der Maus bis zum Schwein konnten die Wissenschaftler bereits zeigen, dass die Reparatur funktioniert. Im Frühjahr 2019 werden in Zürich erstmals von Inkontinenz betroffene Patientinnen behandelt.

Belastende Geburt
Das Risiko für Stressinkontinenz steigt mit zunehmendem Alter, bei Übergewicht und Bewegungsmangel. Bei jüngeren Frauen beginnt die Inkontinenz meist mit dem Mutterwerden. Genauer: mit einer vaginalen Geburt. Während des Gebärens ziehen sich Muskeln des Beckenbodens kleinste Verletzungen zu, so genannte Mikrotraumen, Die Natur sorgt zwar für eine Reparatur: Umliegende Muskelvorläuferzellen ersetzen ausgefallene Muskelzellen und bauen wieder funktionierende Muskeln auf.

«Diese Zellen stellen eine Art Reservoir des Muskels dar. Bei Bedarf bilden sie neue Muskelzellen», erläutert Daniel Eberli. Doch diese Kompensation reicht nicht für ein ganzes Leben: Die Stammzellenreserven sind irgendwann ausgeschöpft. Und so tauchen Inkontinenzprobleme typischerweise oft verzögert, nach einer vorübergehenden Verbesserung, rund ein Jahrzehnt nach dem Mutterwerden auf.

Daniel Eberli und sein siebenköpfiges Team wollen nun lädierten Schliessmuskeln neues Leben einhauchen. Der Beistand kommt aus der Wade. Die potenten Stammzellen aus dem einen Muskel sollen die kaputtgegangenen aus dem anderen ersetzen. Deshalb entnehmen die Medizinier ein Stück Muskel in der Grösse eines halben Würfelzuckers aus dem Unterschenkel des Patientinnen. Ausgesucht werden dann Zellen, die bereits stark differenziert sind.

Es sind also keine klassischen Alleskönner-Stammzellen mehr, sondern Muskelvorläuferzellen. «Sie können keine Nerven mehr ersetzen oder Knochen herstellen, sondern nur noch zu Muskel werden», so Daniel Eberli. Zugleich sind die Zellen aber auch noch nicht zu stark differenziert. Somit können sie sich noch in den bereits vorhandenen Zellverband eingliedern, um funktionierende Muskelfasern zu bilden.

Für die EU-Inkontinenz-Studie, die im kommenden Frühling startet, werden 40 Frauen zwischen 20 und 60 Jahren zunächst aus dem Wadenmuskeln-Zellen entnommen. Diese werden dann isoliert, während drei, vier Wochen gezielt vermehrt und dann in Form eines flüssigen Gels in den Blasenschliessmuskel gespritzt. Das Einspritzen der Muskelvorläugerzellen allein reicht aber nicht: Es muss auch etwas nachgeholfen werden, damit die Muskelzellen Bündel bildern und sich Nervenfasern im Gewebe bilden. Hierzu setzen Forscher die Neuromuskuläre Elektrostimulation NMES ein (siehe Kasten). In den ersten Wochen nach der Spritze erhalten die Patientinnen deshalb wiederholte elektromagnetische Behandlungen, um die Heilungschancen zu optimieren.

Stimmbänder reparieren
«Bisherige Therapien gegen Stressinkontinenz sind eigentlich nur Symptombekämpfung», betont Daniel Eberli. Denn bei Medikamenten, die den Muskeltonus im Beckenboden erhöhen, aber auch beim Beckenbodentraining ist der Erfolg beschränkt. Und gängige operative Eingriffe wie solche mit Haltebändern, die die Harnröhre zudrücken, haben oft Komplikationen zu Folge. «Deshalb ist die Suche nach der perfekten Behandlung so wichtig», betont Eberli. Erste Resultate der EUStudie erhofft er sich in drei Jahren. Wäre sie erfolgreich, würde dies eine neuartige, schonende Therapie von Stressinkontinenz ermöglichen. Eine Behandlung, die zukünftig vielleicht auch ambulant oder sogar präventiv angeboten werden könnte.

Daniel Eberlis Forschung zur Stressinkontinenz hat für die Regenerative Medizin Modellcharakter. «Ich glaube an das Potenzial von Stammzellen, aber das Thema ist komplex – man muss klein anfangen, mit einfachem Gewebe», sagt er. Heute wissen die Forschenden immerhin, wie kleine Muskeln gezüchtet werden. Das könnte auch anderen Therapien Tür und Tor öffnen, etwa um Schliessmuskelzellen am Darmausgang zu regenerieren, defekte Stimmbänder zu reparieren oder Augenmuskeln zu ersetzen.

Quelle: UZH News 

Wandernde Muskelzellen

Neuromuskuläre Elektrostimulation (NMES)

Die Regenerative Medizin steht vor zwei Herausforderungen, wenn sie Stammzellen in Muskelgewebe transplantiert: Zu Muskelzellen ausdifferenzierte Stammzellen bauen sich ab, wenn sie nicht gleich tätig werden. Und sie bleiben nicht immer am Ort, sondern wandern nach einer gewissen Zeit in andere Körperregionen ab und gehen dort zugrunde.
Beide Probleme wollen die Forscherinnen und Forscher des von der EU finanzierten Projekts MUS.I.C (Multisystem Cell Therapy for Improvement of Urinary Continence) umgehen, indem sie die Stammzellen nach der Implantation elektromagnetisch stimulieren. «Die Zellen müssen merken, dass sie gebraucht werden. Sie reifen schön, bilden gute Fasern und wandern nicht ab, wenn sie stimuliert werden», sagt Daniel Eberli.
Die Probandinnen seiner EU-Studie werden deshalb während sechs Wochen zweimal pro Woche zur Neuromuskulären Elektrostimulation (NMES) nach Zürich geladen. Hierzu setzen sie sich auf einen Stuhl mit einem Elektromagneten. NMES ist eine Behandlungsart, die in der Physiotherapie zur Muskelwiederherstellung verwendet wird.



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