Mit dem KI-Chatbot «depolarAIze» Perspektivenvielfalt fördern

Der Global Risks Report des World Economic Forum (WEF) stuft die soziale Polarisierung als viertgrösstes Risiko für Wirtschaft und Gesellschaft ein. Der Verlust einer gemeinsamen Wirklichkeitsbasis durch algorithmisch verstärkte Echokammern ist verheerend für eine seriöse Meinungsbildung und den Dialog mit Andersdenkenden. Der an der Universität Zürich (UZH) entwickelte KI-Chatbot «depolarAIze» diskutiert mit Menschen, moderiert Diskussionen und fördert so eine ausgewogene Meinungsbildung.

Der offene Dialog zwischen Menschen mit verschiedenen Meinungen und Einstellungen gehört zu den Grundpfeilern einer pluralistischen Gesellschaft. Dieses Prinzip ist jedoch in Gefahr, und demokratische Werte geraten zunehmend in Bedrängnis. Einer der Gründe dafür ist die technologische Entwicklung. 

Dank Smartphones oder Computer haben immer mehr Menschen orts- und zeitunabhängigen Zugang zu einer Fülle von Informationen. Die verstärkte Nutzung von Online-Diensten birgt jedoch auch Gefahren: Algorithmen können Nutzerinnen und Nutzer in sogenannte Echokammern lenken, in denen sie vorwiegend mit Informationen und Meinungen konfrontiert werden, die ihre bestehenden Überzeugungen bestätigen. Dadurch können sich Ansichten zunehmend verhärten und verstärken und bis hin zu gesellschaftlicher Polarisierung oder in extremen Fällen sogar zu Radikalisierung führen. Gleichzeitig nimmt die Offenheit gegenüber anderen Meinungen aufgrund dieser Echokammern rapide ab. Dies kann unter anderem Populismus fördern, das Vertrauen in demokratische Institutionen schwächen sowie Intoleranz und Ausgrenzung begünstigen.

Polarisierung auch in der Schweiz

Auch in der Schweiz spitzt sich dieses Problem zu. Im europäischen Vergleich weist unser Land eine der höchsten Polarisierungsquoten aus. Gegenmassnahmen waren bisher sehr kostspielig. Eine Moderation von persönlichen Begegnungen lässt sich nicht flächendeckend umsetzen, da sie erhebliche personelle Ressourcen erfordert und kaum skalierbar ist. 

Wie kann dem entgegengewirkt werden? Mit den gleichen Instrumenten, wie solche Echokammern die Nutzer polarisieren: über den Einsatz digitaler Technologien wie Künstliche Intelligenz.

Kleiner Helfer für besseren Dialog

Basierend auf dieser Idee soll an der UZH der KI-Chatbot «depolarAIze» entstehen. In Interaktion mit den Nutzerinnen und Nutzern soll dieser kleine Helfer dazu beitragen, unterschiedliche Perspektiven auf ein Thema sichtbar zu machen. Mithilfe grosser Sprachmodelle (Large Language Models, kurz LLM) und dem Zugriff auf eine breite Datenbasis, ermöglicht der Chatbot den Zugang zu vielfältigen Sichtweisen und fördert so die Offenheit gegenüber anderen Standpunkten. Der Chatbot kann auf jede Person und Ausgangslage individuell eingehen. 

Dadurch soll ein Dialog entstehen, der nicht nur auf Faktenvermittlung, sondern auch auf emotionale und soziale Aspekte eingeht. Nutzerinnen und Nutzer lernen, andere Perspektiven besser nachzuvollziehen und respektvoll damit umzugehen. Das Projekt wird interdisziplinär umgesetzt: Das Institut für Informatik der UZH spannt dabei mit dem Institut für Politikwissenschaft zusammen, um unterschiedliche Fachperspektiven einzubeziehen. Ein zentraler Bestandteil des Projekts ist zudem der verantwortungsvolle Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Dabei werden ethische und gesellschaftliche Aspekte berücksichtigt.

Nah bei den Menschen

Langfristig soll der KI-Chatbot in ein Medienportal integriert werden und dort in Foren, Kommentarenspalten und bei Leserreaktionen zum Einsatz kommen. So könnte er Teil des digitalen Alltags werden und den konstruktiven Austausch zwischen Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven fördern. 

Für die Umsetzung des Chatbots ist das Projekt auf Drittmittel angewiesen. Damit können verschiedene zentrale Komponenten entwickelt werden: Die technologische Grundlage bildet ein adaptiver LLM-Chatbot, der auf einem «Konversationsstrategiemodul» basiert und gezielt auf das Schweizer System ausgerichtet wird. Zur wissenschaftlichen Evaluation werden Nutzerinnen und Nutzer für Studien rekrutiert. Durch Tests wird auch die Benutzerfreundlichkeit des Chatbots überprüft. Neben der Finanzierung von zwei Postdoktorierendenstellen fliessen die Mittel auch in die notwendige Infrastruktur und Serverkapazitäten. Mit der nächsten Entwicklungsstufe soll der Chatbot schliesslich in der Praxis eingesetzt werden.



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Linda Schweizer-Thong
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