Bullingerbriefe: Geschichte der Zürcher Reformation wird digitalisiert

Der Zürcher Reformator Heinrich Bullinger (1504–1575), Nachfolger Huldrych Zwinglis, hinterliess Zürich einen umfangreichen Briefwechsel von rund
12 000 Briefen.

Die Briefe stellen eine äusserst wertvolle Quelle für die Aufarbeitung der Geschichte und Kultur Zürichs, der Schweiz und ganz Europas dar. Die UZH Foundation hat die Finanzierung dieses umfangreichen Digitalisierungsprojekts sichergestellt und die dafür benötigten Drittmittel – dank Spenden von mehreren Stiftungen und Privatpersonen – sichergestellt. Das Projekt «Bullinger digital» hat das Ziel, per Ende 2022 sämtliche Briefe digital zugänglich zu machen. Erste Meilensteine konnten bereits erreicht werden.

Geschichte der Reformation durch Briefe übermittelt

  • Der überlieferte Briefwechsel Bullingers besteht überwiegend aus Briefen, die er selbst empfangen hat: Während von den Briefen aus seiner Feder lediglich 2 000 Stück erhalten geblieben sind, sind es etwa 10 000 Briefe, die an ihn geschickt wurden.
  • Zweidrittel der Briefe sind in lateinischer Sprache verfasst und ein Drittel in Frühneuhochdeutsch (FNHD). Mehr als 2 000 der Briefe weisen einen Mix dieser beiden Sprachen auf. Nur einzelne Briefe sind in einer anderen Sprache verfasst (Französisch, Italienisch, Griechisch).
  • 3 100 Briefe aus den Jahren 1523 bis 1547 wurden vom Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte der Universität Zürich (IRG) bereits ediert. Die Edition umfasst Briefe von 350 Schreibern und hat eine Grösse von einer Million Wörtern in Latein, 250 000 Wörtern in FNHD sowie 75 000 Fussnoten und Kommentaren. Diese Informationen wurden in die Datenbank überführt.

Die physischen Briefe sind hauptsächlich im Staatsarchiv Zürich sowie in der Zentralbibliothek Zürich gelagert. Ziel von «Bullinger digital» ist es, alle Bullingerbriefe mitsamt den dazugehörigen Informationen in eine Datenbank einzuspeisen und freien Zugang zu den Daten zu gewährleisten. Zu den Briefen sind in der Vergangenheit Karteikarten mit Metadaten wie Datum, Absender und Empfänger sowie Archivort erstellt worden, um den Überblick über den Bestand zu gewährleisten. Diese Karteikarten wurden im ersten Schritt mittels automatischer Texterkennung OCR (Optical Character Recognition) in die Datenbank überführt. Das Einlesen der teilweise handschriftlichen Karteikarten-Einträge funktionierte aber nicht immer fehlerfrei. So haben viele Freiwillige sich um die Nachkorrektur gekümmert und Lesefehler des Programms händisch überarbeitet.

Website mit Bullingerbriefen online (Beta-Version)

www.bullinger-digital.ch

Die Website, auf der die Bullingerbriefe einzusehen sind, ist bereits als Beta-Version zugänglich. Derweil gibt es noch viele Briefe, bei denen die Informationen nicht vollständig vorhanden sind. Beispielsweise fehlen noch Scans, Transkriptionen oder Übersetzungen. Die Website wird laufend ergänzt und weiter ausgebaut.

Navigation über interaktive Netzwerk-Landkarte oder Listenansicht

Auf der interaktiven Netzwerk-Landkarte lässt sich auf einen Blick sehen, woher respektive wohin die Briefe jeweils verschickt wurden. Mit einem Klick in einzelne Regionen kommt man auf eine Listenansicht, die alle Briefe aufführt, die dort zu verorten sind.

Neben der Kartenübersicht gibt es auch ein Listenverzeichnis für die Navigation. Hier lassen sich Briefe zum Beispiel nach Personen auflisten und durchsuchen.

Beispiel eines vollständig digitalisierten Briefs

In der Detailansicht eines Briefes findet man folgende Informationen vor:

  • Metadaten (Datum, Absender etc.)
  • Regest (kurze Inhaltsangabe, sofern vorhanden)
  • Faksimile (originalgetreue Abbildung des Briefes mit Zoom-Funktion)
  • Transkription des Brieftexts
  • Übersetzung des Textes (mittels Button oberhalb der Transkription)

Bei diesem Brief von Oswald Myconius aus dem Jahr 1541 sind bereits alle Informationen auf der Website eingepflegt:

Automatische Handschriftenerkennung

Zu 3 000 Briefen existieren noch keine Transkriptionen. Ein wesentlicher Bestandteil und gleichzeitig eine grosse Herausforderung des Projektes «Bullinger digital» ist daher die automatische Handschriftenerkennung mittels künstlicher Intelligenz. Da die Briefe von vielen verschiedenen Schreibern stammen und sich die Schriftzeichen für Latein und Frühneuhochdeutsch unterscheiden, müssen entsprechend viele verschiedene Handschriften vom System erkannt werden. Das führt zwangsläufig zu häufigeren Fehlern in der Handschriftenerkennung.

Die Zeichenfehlerrate beträgt Stand heute 8,6 Prozent. Das Ziel ist es, diese Fehlerrate auf weniger als fünf Prozent zu senken.

Im letzten Jahr wurden 1 000 Briefe aus der Zentralbibliothek gescannt (ca. 3 500 Seiten) und 3 100 Briefe aus dem Staatsarchiv Zürich (ca. 9 900 Seiten). Die Arbeit geht weiter, sodass bis Ende des Jahres 2022 alle Briefe in die Datenbank überführt sind.



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