Kulturelles Erbe zu vermitteln bedeutet, unterschiedliche Menschen mit ihren eigenen Interessen, ihrem Vorwissen und ihren Perspektiven zu erreichen. Bisher ist jedoch wenig dazu bekannt, welche Formen der Kulturvermittlung im digitalen Zeitalter tatsächlich wirken. Ein neues Forschungsprojekt der Universität Zürich (UZH) untersucht, wie Künstliche Intelligenz (KI) dazu beitragen kann, Geschichte und Kultur individueller und zugänglicher erfahrbar zu machen.

Ob römische Theater, mittelalterliche Burgen, neuzeitliche Kunstsammlungen oder Gedenkstätten der Moderne: Jedes Jahr besuchen Millionen Menschen historische Orte und setzen sich mit vielfältigem Kulturerbe auseinander. Gleichzeitig bleiben Vermittlungsangebote trotz digitaler Innovationen häufig statisch und folgen vorgegebenen Erzählungen. Wie können Inhalte so vermittelt werden, dass sie Menschen unterschiedlicher Altersgruppen, Hintergründe und Interessen erreichen?
Hier setzt das Forschungsprojekt AIon (Adaptive Interpretation & On-site Navigation for Cultural Heritage) der UZH an. Es verbindet Geschichtswissenschaft, Didaktik, Museologie und KI-Forschung in einem interdisziplinären Ansatz. Gemeinsam mit ausgewählten Schweizer Kulturinstitutionen – darunter das Landesmuseum Zürich, das Museum Rietberg, Aventicum, Augusta Raurica und Vindonissa – untersucht AIon, wie Menschen historische Orte, Objekte und Sammlungen wahrnehmen und welche Faktoren ihr Verständnis prägen. Mit einem partizipativen Forschungsansatz erhebt AIon mittels einer KI-gestützten App Daten zu Erwartungen, Lernprozessen und Nutzungsmustern verschiedener Besuchergruppen. Interviews, Fragebögen und anonymisierte Interaktionsdaten liefern Erkenntnisse darüber, wie Menschen Geschichte verstehen, welche Inhalte sie interessieren und wie digitale Vermittlungsangebote mit Unterstützung von KI weiterentwickelt werden können.

«Archäologische Orte und Artefakte werden nur mit Wissen lebendig und dies erzeugt neue Fragen und Perspektiven. Mit Hilfe von AIon kann dieses Wissen für unterschiedliche Bedürfnisse individuell angepasst vermittelt werden, und dabei stets auf einer wissenschaftlich soliden Basis.»
Prof. Dr. Corinna Reinhardt, Professorin für Archäologie des Mittelmeerraums am Institut für Archäologie, Klassische Philologie und Altertumswissenschaften an der Universität Zürich
Die App verbindet Forschung und Vermittlung: Vor Ort erstellt sie auf Basis wissenschaftlich geprüfter Quellen personalisierte Vermittlungsangebote mittels KI für historische Objekte, Sammlungen und Kulturstätten. Dabei passen sich die Inhalte an das Vorwissen, die Interessen oder die verfügbare Zeit der Nutzerinnen und Nutzer an. Besuchende erhalten so Informationen, die genau zu ihren persönlichen Präferenzen und Bedürfnissen passen, von architektonischen Rekonstruktionen und
Audiobeiträgen bis hin zu vertiefenden historischen Kontexten. Gleichzeitig dient die App als Forschungsinstrument: AIon untersucht, wie KI verantwortungsvoll eingesetzt werden kann, um kulturelle Inhalte wissenschaftlich fundiert, quellenbasiert und qualitativ gesichert zu vermitteln.
AIon schafft einen Mehrwert über die Projektlaufzeit hinaus. So erhalten Museen und Kulturinstitutionen wissenschaftlich fundierte Grundlagen für die Weiterentwicklung ihrer Angebote. Forschende gewinnen neue Daten zur Rezeption von Geschichte und Kultur. Besucherinnen und Besucher profitieren wiederum von individuelleren und ansprechenderen Lernerfahrungen. Die gewonnenen Forschungsdaten stehen Universitäten, Fachhochschulen und akkreditierten Kulturinstitutionen
in der Schweiz für Forschung, Lehre und Praxis zur Verfügung. Damit entstehen langfristig nutzbare Grundlagen für eine zeitgemässe, KI-gestützte Kulturvermittlung.
Mit Ihrer Unterstützung schaffen wir die Grundlagen für einen verantwortungsvollen Umgang mit KI. Kultur und Geschichte werden damit für alle digital erfahrbar.
