Wenn die Blase ihr Gedächtnis verliert

Nach einer Rückenmarksverletzung verändert sich das Leben schlagartig. Neben sichtbaren Einschränkungen der Bewegungsfähigkeit treten häufig auch Blasenfunktionsstörungen auf, die den Alltag und die Lebensqualität stark beeinträchtigen können und bis zum Nierenversagen führen. Nun weckt die Forschung mit einer schweizweiten Studie neue Hoffnung. 

Die Funktion der Harnblase wird durch komplexe Nervenverbindungen zwischen Gehirn, Rückenmark und Harntrakt gesteuert. Nach einer Rückenmarksverletzung kann diese Kommunikation gestört sein und zu einer sogenannten neurogenen Blase führen.

Bei gesunden Menschen steuern komplexe Nervenbahnen zwischen Gehirn, Rückenmark und Blase die Speicher- und Entleerungsfunktion. Wird das Rückenmark verletzt, ist auch dieses Zusammenspiel beeinträchtigt. Die Folgen sind unter anderem verminderte Wahrnehmung der Blasenfüllung, gestörte Reflexe, unvollständige Blasenentleerung und langfristige Schädigungen des Harntrakts. Bisher wird in der Praxis meist erst dann behandelt, wenn bereits Komplikationen aufgetreten sind. Dazu kommt, dass die bestehenden Therapien häufig ungenügend wirksam oder mit einschneidenden Nebenwirkungen verbunden sind. Das möchte die Forschung nun ändern.

TASCI-Studie: Neuromodulation als präventiver Therapieansatz

Mit der TASCI-Studie («Transcutaneous tibial nerve stimulation in patients with Acute Spinal Cord Injury to prevent neurogenic detrusor overactivity») wird untersucht, ob eine frühzeitige Neuromodulation die Entstehung schwerwiegender Blasenfunktionsstörungen verhindern kann. Konkret wird die sogenannte transkutane tibiale Nervenstimulation (TTNS) eingesetzt. 

Mit der Aktivierung des Tibialisnervs im Bein, der mit den Nervenzentren der Blasensteuerung verbunden ist, soll untersucht werden, ob die Blasenfunktion stabilisiert werden kann.

Dabei wird der Schienbeinnerv mit sanften elektrischen Impulsen stimuliert, um die relevanten Reflexe zu erhalten, die sich in der ersten Zeit nach dem Unfall noch reorganisieren können. Gleichzeitig sollen die Nervenbahnen so moduliert werden, dass sie die Blasenfunktion weiterhin steuern können. Statt die Schäden zu behandeln, die später aufgrund einer Blasenfunktionsstörung auftreten, verfolgt die Studie einen präventiven Ansatz: Die Blasenfunktion soll direkt nach der Verletzung stabilisiert werden, um irreversible Komplikationen zu vermeiden.

Geleitet wird die Studie von UZH-Professor Dr. med. Thomas M. Kessler an der Universitätsklinik Balgrist in Zürich. Beteiligt sind alle Paraplegiker-Zentren der Schweiz, d.h. das Schweizer Paraplegiker-Zentrum Nottwil, das REHAB Basel, die Clinique Romande de Réadaptation in Sion sowie die Universitätsklinik Balgrist. 

Neue Perspektiven für Betroffene

Die TASCI-Studie untersucht nicht nur die Wirksamkeit der Neuromodulation, sondern analysiert auch neuro-urologische Messdaten, MRT-Bilder sowie biologische Proben. Dadurch entstehen neue Erkenntnisse über die Kommunikation zwischen Gehirn und Blase. Dieses Wissen ist auch für andere neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Schlaganfall, Parkinson oder Spina bifida von Bedeutung.

Sollte es mittels transkutaner tibialer Nervenstimulation gelingen, über bestimmte Nervenbahnen wichtige Reflexe aktiv zu halten, die für das Zusammenspiel von Harnblase und Schliessmuskel entscheidend sind, könnte dies einen Paradigmenwechsel in der Behandlung von Blasenfunktionsstörungen nach Rückenmarksverletzung einleiten – weg von einer ungenügend reaktiven Therapie hin zu einem präventiven Ansatz. So sollen Folgeschäden verhindert und die Lebensqualität der Betroffenen verbessert werden.

«Dank der TASCI-Studie habe ich die Möglichkeit, frühzeitig eine Therapie auszuprobieren, um langfristige gesundheitliche Komplikationen bis hin zu Nierenschäden möglichst zu vermeiden.»

Delia Guggenheim, Probandin (Bild: Urs Jaudas)

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Ein Teil der Studienkosten wird vom Schweizerischen Nationalfonds und der Schweizer Paraplegiker-Stiftung getragen. Damit das Forschungsprojekt jedoch vollständig abgeschlossen werden kann, sind wir auf zusätzliche finanzielle Unterstützung angewiesen.

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