Fördern, was bewegt: Seit 110 Jahren fördert die Stiftung für wissenschaftliche Forschung Projekte in allen Fakultäten und Disziplinen. Berücksichtigt werden Gesuche von UZH-Professorinnen und Professoren sowie Gastdozierenden. Folgende Beispiele zeigen die Bandbreite der geförderten Projekte.

Prof. Dr. Balthasar Bickel
Sprachen sind verblüffend systematisch. Wenn wir über ein Ereignis berichten, wird dieses in einen Ausdruck für die Handlung, einen Ausdruck für denjenigen oder diejenige, die die Handlung ausübt, das sogenannte Agens, und einen Ausdruck für die oder den Betroffenen, das Patiens, zergliedert. Woher kommt dieses Schema?
In einer Reihe von Experimenten, die von der Stiftung für wissenschaftliche Forschung mitgefördert wurden, haben wir zusammen mit einem Team an der Universität Neuenburg herausgefunden, dass Menschenaffen Ereignisse ebenfalls nach diesem Schema zergliedern, obwohl man dafür in ihrer Kommunikation (bislang) keine Spuren findet. Wenn man Gorillas, Orangutans, Schimpansen und Menschen Videoszenen vorspielt, schauen alle systematisch zwischen Agens und Patiens hin und her, bis klar wird, was geschieht. Statistische Modelle, die nicht zwischen Agens und Patiens unterscheiden, können die Blickrichtungen in unserem Aufnahmen nicht erklären.
In der Sprache kommt noch etwas anderes hinzu: unser Hirn bevorzugt das Agens. Wenn am Schluss klar wird, dass in einem Satz der falsche Teil als Agens erkannt wurde, schlägt sich das in einem elektrophysiologischen Signal nieder, das man mit Elektroenzephalographie (EEG) messen kann. Wir haben einen ähnlichen Effekt auch bei Menschenaffen gefunden. Wenn man sie vor die Wahl stellt, am Schluss eines Videos auf das Agens oder das Patiens zu tippen (Touchscreen), neigen alle Arten dazu, das Agens zu bevorzugen.
Insgesamt zeigt unsere Forschung, dass eine Kerneigenschaft menschlicher Sprache in einer bestimmten Ereigniszerlegung begründet ist, die tiefe evolutionäre Wurzeln hat. Diese reichen bis zum letzten gemeinsamen Vorfahren der Menschenaffen circa 12 Millionen Jahre zurück, aber wir vermuten, dass das Schema noch viel älter ist. Künftige Experimente prüfen das.

Menschen und Menschenaffen bevorzugen das handlungsausübende Objekt.

Prof. Dr. Mareile Flitsch
Wie können ethnographische Sammlungen zur Friedensförderung, Selbststärkung und Wissensweitergabe beitragen?
Im Zentrum dieses Projekts stand der Nachlass des Ethnologen Lorenz Löffler, der in den 1950er Jahren in den Chittagong Hill Tracts im heutigen Bangladesch geforscht hat. Gemeinsam mit indigenen Gemeinschaften dokumentierte er deren Alltag und Wissen in Ton, Film, Bild und Schrift – unmittelbar vor Staudammbau, Vertreibung und massiven Gewalterfahrungen in der Region. Das Projekt untersuchte, welche Bedeutung diese historischen Bestände heute für junge indigene Menschen haben und wie sie in kollaborativen Forschungs- und Museumsprozessen neu erschlossen werden können.
Im Rahmen eines transnationalen studentischen Austauschs arbeiteten Studierende aus Bangladesch und der Schweiz gemeinsam mit den Sammlungen aus den Chittagong Hill Tracts. Die Ergebnisse wurden in einer studentischen Pop-up-Ausstellung am Völkerkundemuseum der Universität Zürich (UZH) und einer internationalen Tagung präsentiert und machten deutlich, dass ethnographische Archive nicht nur Quellen zur Vergangenheit sind, sondern auch Ressourcen für Gegenwart und Zukunft. Das Projekt hat damit einen wichtigen Impuls für kollaborative Forschung, für die Relevanz ethnographischer Sammlungen in gesellschaftlichen Heilungsprozessen und für weiterführende Anschlussprojekte gesetzt.
Ein transdisziplinäres Anschlussprojekt (ebenfalls von der Stiftung für wissenschaftliche Forschung gefördert) befasst sich fokussiert mit der Aufarbeitung eines historischen Fotobestands zum Kaptai-Staudamm. Die Kollaboration beginnt im Herbst 2026.
Instagram Account des Projekts
Exkursionsbericht der UZH-Studierenden

Studierende aus Bangladesch und der Schweiz arbeiten gemeinsam.

Prof. Dr. Moritz Daum

Prof. Dr. Stephanie Wermelinger
Während der COVID-19-Pandemie hat sich unser soziales Leben stark verändert. Viele Erwachsene trugen Masken, Kinder trafen weniger oft andere Menschen, und in vielen Familien war die Belastung hoch. Dies warf eine wichtige Frage auf: Hat diese besondere Zeit die soziale Entwicklung von Kindern beeinflusst?
In einem von der Stiftung für wissenschaftliche Forschung der UZH geförderten Projekt sind wir dieser Frage nachgegangen. In drei Studien haben wir verschiedene soziale Fähigkeiten bei Säuglingen und Kindern mit und ohne Pandemieerfahrung miteinander verglichen. Insbesondere haben wir gemessen, wie die Kinder dem Blick anderer Personen folgten und ihre Aufmerksamkeit mit ihnen teilten. Diese frühen Fähigkeiten sind wichtig, damit Kinder mit Anderen in Kontakt treten, gemeinsame Erfahrungen machen und voneinander lernen können. Sie helfen, Erfahrungen miteinander zu teilen und Gedanken und Verhaltensweisen zu koordinieren. Ausserdem haben wir geprüft, ob Vorschulkinder Emotionen in Gesichtern während der Pandemie genauso gut erkennen wie Kinder vor der Pandemie.
Das Ergebnis war überraschend eindeutig: Es zeigten sich keine Hinweise darauf, dass die Pandemieerfahrungen die soziale Entwicklung der untersuchten Kinder beeinträchtigt haben. Es scheint, dass sich zentrale soziale Fähigkeiten trotz der ungewöhnlichen Umstände stabil weiterentwickelten.

Beeinflusst die Pandemieerfahrung die Interpretation der gesehenen Blickrichtung?

Prof. Dr. Lucas Leemann
Das Wesen der Demokratie ist abhängig von der Wahlbeteiligung, welche stetig sinkt und speziell bei jungen Menschen niedrig ist. Wahlgewohnheiten werden im jungen Erwachsenenalter verankert. Umso wichtiger ist es, junge BürgerInnen, die sich derzeit nicht engagieren, stärker einzubeziehen. Verändernder gesellschaftlicher Strukturen und die zunehmende Verbreitung von Online-Interaktionen machen diese Aufgabe sehr komplex.
Zusammen mit seinem Team stellt sich Prof. Dr. Lucas Leemann der Herausforderung, die verschiedenen Muster der Wahlbeteiligung unter den unterschiedlichen Typen junger Wählerinnen und Wähler im einundzwanzigsten Jahrhundert zu erfassen. Eine solche Typologie erlaubt massgeschneiderte Massnahmen zur Steigerung der Wahlbeteiligung in verschiedenen Segmenten der jungen Bevölkerung zu kreieren.
Qualitative und quantitative Experimentelle Ansätze konzentrieren sich auf die Befähigung, Motivation und Vermittlung sozialer Normen im Zusammenhang mit der Wahlbeteiligung und machen die Wirksamkeit der Steigerung der Wahlbeteiligung bei bestimmten Zielgruppen messbar. Ausgestattet mit präzisen Daten darüber, welche Massnahmen für verschiedene Arten von Jungwählern am effektivsten sind, wird das Projekt einen optimalen Interventionsalgorithmus entwickeln. Dieser Algorithmus wird ein massgeschneidertes Interventionspaket vorschlagen, das auf die soziodemografische Zusammensetzung der jugendlichen Wählerschaft in den Gemeinden und Regionen zugeschnitten ist und eine optimale Strategie zur Steigerung der Wahlbeteiligung gewährleistet.

Im Rahmen des Projektes entwickelte Postkarte.

Prof. Dr. Anna Lindholm Krützner
Die Gesundheit mit zunehmendem Alter zu verbessern und daran beteiligte genetische Faktoren zu bestimmen, ist seit langem von theoretischem und praktischem Interesse. Das biologische Alter kann anhand von Biomarkern definiert werden. Ein erst kürzlich entdeckter Biomarker steht für die Veränderung der Methylierung von CpG-Stellen im Genom über die Zeit (epigenetische Veränderungen) und repräsentiert ein neues Instrument zur Untersuchung des Alterns.
Prof Dr. Anna Lindholm Krützen und ihr Team entwickeln in ihrer Studie eine neuartige epigenetische Uhr, die auf nicht-invasiv gesammelten Kotproben basiert; zum Vorteil für das Wohlergehen der Tiere gegenüber bestehenden Methoden ist. Dafür verwenden sie Proben von wilden Hausmäusen aus einer intensiven 20-jährigen Feldstudie an der Universität Zürich über das Verhalten und die lebenslange Fitness der Hausmäuse und aus einer Feldstudie auf einer Insel vor der Küste des Vereinigten Königreichs über das Verhalten, die Ökologie und das Mikrobiom der wild lebenden Hausmäuse. Von Geburt bis zum Tod intensiv beobachtet, eignen sie sich ideal für die Untersuchung von Faktoren, die das biologische Altern beeinflussen. Für eine allgemein gültige Aussage vergleichen sie die epigenetische Alterung dieser Wildpopulationen mit einer Art, welche sich in Bezug auf Standort und Lebensraum (Festland und Insel) stark unterscheiden. Aus der entwickelten epigenetischen Uhr lässt sich schätzen, dass ein hohes epigenetisches Alter, mit einer geringeren Überlebensrate im Erwachsenenalter, einem höheren Reproduktionsaufwand in der Vergangenheit und einer geringeren Grösse des sozialen Netzwerks einhergeht. Die Studie mit einer tierschutzfreundlichen Methodik könnte als Modell der humanmedizinischen Forschung genutzt werden.

Das Forschungsteam untersucht epigenetische Alterungsmechanismen bei Wildmäusen.

Prof. Dr. Simone Hornemann
Alzheimer-Erkrankung und die seltene Prionen-Erkrankung zählen zu den neurodegenerativen Erkrankungen. Dabei bilden körpereigene fehlgefaltete Proteine sogenannte amyloide Aggregate und Nervenzellen sterben nach und nach im Gehirn ab. Dies führt bei den betroffenen Patienten zu kognitiven Beeinträchtigungen und Bewegungsstörungen. Trotz intensiver Forschung gibt es derzeit keine wirksamen Therapien, um diese Krankheiten zu heilen. Wird die Erkrankung diagnostiziert, werden die betroffenen Patienten und deren Familienangehörige vor grosse medizinische, gesellschaftliche und ökonomische Herausforderungen gestellt.
Obwohl erfolgsversprechend, sind passive Immuntherapien mit Antikörpern gegen die schädlichen Aggregate noch vielen Herausforderungen ausgesetzt. Die Antikörper können potentiell nur einige Aggregate aus dem breiten Spektrum von pathologischen Aggregaten erkennen. Für eine möglichst effektive therapeutische Wirksamkeit ist die Erkennung eines breiten Spektrums der pathologischen Aggregate erstrebenswert.
Mit der Entwicklung ihres neuen therapeutischen Molekül-Liganden-Konjugates, stellen sich Prof. Dr. Simone Hornemann und ihr Team dieser Herausforderung. Dieses besteht aus einem synthetischen Molekül, welches ein breites Spektrum pathologischer Aggregate binden kann, und einem Liganden, welcher die Aktivierung des Immunsystems für die Beseitigung der pathogenen Aggregate erlaubt. Erste Untersuchungen des Moleküls mittels Zellkulturexperimenten und kultivierten Hirngewebsschnitten von Mäusen zeigen eine vielversprechende therapeutische Wirkung. Ihr Konjugat hat die Fähigkeit die Neurotoxizität in Prionen-infizierten Schnittkulturen zu reduzieren.
In ihrem Projekt untersuchen die Forschenden nun das Konjugat weiter auf seine pharmakokinetischen Eigenschaften, akute Toxizität und therapeutische Wirksamkeit bezüglich der Alzheimer- und Prionen-Erkrankung in Mausmodellen. Ihre Forschung könnte zur weiteren Entwicklung neuer therapeutischer Moleküle für die Behandlung von neurodegenerativen Erkrankung führen.

Fluoreszenzfärbung eines Maushirnschnitts.
